Fremde Worte

Erzählung, TEXTLICHT

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Bibliografische Daten
ISBN/EAN: 9783902498991
Sprache: Deutsch
Umfang: 48 S.
Format (T/L/B): 0.4 x 18 x 11.7 cm
Einband: kartoniertes Buch

Beschreibung

Hanna ist eine leidenschaftliche Buchkäuferin. Vielmehr als die Autoren oder Inhalte interessiert sie jedoch die Vorgeschichte der Bücher. Regelmäßig durchstreift sie die Antiquariate ihrer Heimatstadt - stets auf der Suche nach einer Widmung, deren Hintergründe sie sich erdenken kann. Wie ein Zaungast blickt sie in die Leben fremder Menschen. Was als harmloses Spiel begonnen hat, wird jedoch immer mehr zu einem Rückzug Hannas von der Wirklichkeit. Bis sie einer Frau begegnet, die ihr Leben als Einzelgängerin stört. Eine ergreifende Geschichte über eine junge Frau, die sich in ihrer Fantasie verliert - und über das Leben mit Büchern.

Autorenportrait

Jana Volkmann, 1983 in Kassel geboren. Sie hat im Norden, im Westen und im Osten Deutschlands gewohnt. In Berlin hat sie Europäische Literaturen studiert und erste Prosatexte veröffentlicht. Seit 2010 liest sie regelmäßig Kurzgeschichten in Cafés, Kneipen und Kultureinrichtungen. Sie hat sich die Bühne mit unterschiedlichen Autoren geteilt und verschiedene Städte zum Lesen bereist, darunter Leipzig, Hamburg und Fribourg (CH). Mittlerweile lebt und schreibt sie in Wien und arbeitet an einer Dissertation über Hotels in der Gegenwartsliteratur. Buchveröffentlichung: Schwimmhäute (Kurzgeschichten, 2012)

Leseprobe

'Sie suchte jedes Mal ein anderes Café auf. Das war auch eine Regel. Hanna war zwar etwas enttäuscht, dass ihr die unterschiedlichen Cafés nicht besonders unterschiedlich vorkamen, aber darüber dachte sie nicht groß nach. Diesmal hatte sie eines ausgesucht, das sie schon zehn-, zwanzigmal gesehen hatte. Es war mit alten Sesseln eingerichtet, die offensichtlich wie zufällig arrangiert aussehen sollten. An den Wänden hingen Bilder wie die, an denen sie eben auf dem Flohmarkt vorbeigegangen war und die derart uninteressant waren, dass man sie sich nicht einmal dann einprägen könnte, wenn man es ernsthaft versuchen würde. Landschaften, die überall sein konnten, wie aus dem Gedächtnis gemalt. Von der Decke hing eine Lampe, so alt, dass sie bestimmt kostbar war, obwohl sie nicht kostbar aussehen sollte. Der Tisch, an dem sie Platz nahm, wackelte ein wenig. Hanna zog Buch Nummer eins erst aus ihrer Tasche, als die Milchkaffeeschale schon vor ihr stand. Vaclav Havel, ein paar Theaterstücke. Eine zittrige Altmännerhandschrift darin. Hauchdünner Kugelschreiberstrich. Bestimmt mit einer dieser widerborstigen, spitzen Minen geschrieben, die unangenehm kratzen. Besonders auf so rauem Papier. Die Widmung war enttäuschend. Vermutlich das Geschenk eines Pensionärs an einen anderen, zum Jubiläum irgendeines Ereignisses, das gewiss etwas mit der Arbeit zu tun hatte, die Schenker und Beschenkter irgendwann einmal geteilt hatten. Sonst hatten sie wahrscheinlich nicht viel gemeinsam, ihre gemeinsame Geschichte war blass und ereignislos. Hanna dachte, er hätte wenigstens mit Füller schreiben können, das hätte viel besser gepasst und auch schöner ausgesehen. Buch Nummer zwei, Louis Aragon, "Die Abenteuer des Telemach". Schon viel besser. "Solveigh, Freundin", begann die Widmung, die unbeholfen, bemüht und liebeskrank klang. Sie endete mit einem tragischen "PS: Das ist mein Ernst!" Statt i-Punkten hatte er Kringel gemalt. Oh Mann, dachte Hanna und freute sich. Ein Liebhaber offensichtlich, der sich seiner Sache nicht so sicher war, wie er Solveigh glauben machen wollte. Weder der Sache mit seiner unsterblichen Liebe noch, was er sonst mit seinem Leben anfangen sollte. Hanna stellte sich jemanden vor, der gerade Zivildienst machte, Bücher las, die für ihn zu schwierig waren, und dann Mädchen mit seinem Zehntelwissen zu beeindrucken versuchte. Nur selten merkte er, wie verzweifelt und einsam er war, was er fälschlicherweise als Regung eines großen und sensiblen Geistes verstand. Ein Scheiterer, der sich damit abfand, sich permanent zu langweilen, er kannte ja nichts anderes. Einer, der ein, zwei Jahre später sein Studium abbrechen, es zwei weitere Jahre später wieder aufnehmen und frühestens so mit dreißig einen richtigen Entwicklungssprung machen würde. Dann würde er aber plötzlich sehr attraktiv werden. Mit vierzig wäre er glücklich und begehrt. Die verpassten Jahre, die er mit dem Anbeten von langweiligen Mädchen und dem Unentschlossensein verbracht hatte, schmerzten ihn nur manchmal, und wenn, dann stand dieser Schmerz ihm gut, er gab seinem Blick eine angenehme Tiefe. Wie einem Stummfilm sah Hanna seinem Leben zu. Es wurde ein gutes Leben mit viel Freude und vielen Freunden und erreichten Zielen und einem gesunden, verdienten Stolz. Eines, nach dem man getrost mit einem seligen Lächeln ins Grab fallen kann. Der Film ging nur um ihn. Solveigh spielte in dem Film nicht einmal eine Nebenrolle. Solveigh tauchte auch nicht als Statistin auf. Unter der Widmung stand ein Datum. 1990. Da war Hanna gerade sechs geworden und fand liebeskranke Männer wahrscheinlich unheimlich. Sie rührte ohne von den "Abenteuern des Telemach" aufzusehen einen Löffel Zucker in den lauwarmen Kaffee. Eigentlich trank sie ihn nie gesüßt, aber es tat gut, ihren Fingern eine Beschäftigung zu geben, sie einfach ein wenig rühren zu lassen, während ihre Gedanken sich im Kreis drehten, dass einem ganz schwindlig werden konnte. Als sie den Kopf hob, um Buch Nummer drei aus der Ta